tango sin palabras

CD-Besprechung Tangodanza 2/2006

"Keineswegs elegische Novemberstimmung - dynamischer Tango mit interessanten Spannungsbögen von stürmischen Drängen bis melancholischer Verspieltheit bietet die neue CD von "Tango dos y tres" bzw. "Tango sin palabras" (so der neue Name der Gruppe). Allerdings bieten die fünf exzellenten Musiker keine Eigenkompositionen. Bis auf Salgans Eingangsstück ist Piazzolla das große Vorbild, doch keineswegs nur imitiert. Anordnung und Interpretation schaffen durchaus Neues: eine Geschichte des Tangos von individueller Leidenschaft in großstädtischer Bedrängnis.
"A Fuego Lento" Das Feuer entfacht nicht langsam, sondern sofort. "Contrabajeando" wetteifern Geigen (Amely Reda/Uwe Fietkau) und Akkordeon (Snezana Nesic) und schmelzen in "Nostalgico" schwebend ineinander, vom Klavier (Christian Schulte) berauschend untermalt, lyrisch von den Geigen, witzig frech vom Bandoneon akzentuiert. Nahtlos schliessen die Stücke aneinander und entfachen immer wieder ein temperamentvolles Feuerwerk. Wie ein Wirbelwind düst "Mis amores" dahin, dass die Milonga in den Beinen zuckt, verharrt kurz und treibt vergnügt weiter - Milongahimmel in nicht enden wollenden Akkordwirbeln, die die wildesten Drehchoreographien assoziieren lassen und sich schließlich in "Picassos" zärtlicher Melancholie verlieren. Kontrabass und Bratsche setzen lang gezogene samtige Melodien, leichtfüßig geht das Klavier dazwischen. Das Akkordeon rhythmisiert und schließlich vereint sich das kleine Ensemble zu einem fröhlichen "El Aeroplano". Der Kontrabass (Uwe Boiko) malt alle Seelenpein des Liebessehnsüchtigen "Libertango". Mit unwahrscheinlichem Drive jagen die Instrumente die Gefühlsskala hinauf und hinunter. Aus dem schrägen Schlussakkord wächst das elegische "Bando", kämpft mit wilden Akkorden gegen die ansteigende Tristesse und kulminiert in der schrägen Tönewelt der "Tres Minutos Con La Realidad". Poetische Ansätze blitzen nur kurz auf, verschwinden fulminant im Sog großstädtischer Klanghektik. In "La Trampera" hetzt die Milonga weiter. Der unbeschwerte Witz verschwindet, die Sehnsucht degradiert zur verhuschten Attitüde und findet doch wieder poetischen Halt in der "Milonguero De Hoy". Die "Anticipacion" fällt träumerisch aus. Mit Herzblut und Gelassenheit provoziert das Klaviervibrato nur kleine Frösteleien und überlässt den Geigen das Schwingen der Seele und dem Bandoneon den passionierten Drive, der im Schlussstück "Jeanne Y Paul" nochmals alle Schmelzregister zieht, die Geigen in schwindelerregende Höhen treibt, vom Kontrabass geerdet, zwischendurch geigerisch witzig karikiert und vom Bandoneon dynamisiert - ein Hörerlebnis, voller Inspiration für anspruchsvolle variantenreiche Tänzer."
(Michaela Schabel)

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